Astrids Krankheit
Im Grunde begann es im Februar 2001. Astrid fühlte eine Verhärtung in
der linken Brust und ging damit zum Hausarzt, dem das verdächtig
vorkam und der ihr daher eine Überweisung zum Frauenarzt gab. Sie ist
bis dahin ihr Leben lang nur sehr selten zum Arzt gegangen, in den
ersten sieben Jahren, die ich sie kannte, vielleicht zwei oder drei
mal. Es hat sie also einige Überwindung gekostet, dorthin zu
gehen. Der Arzt hat sie jedoch nicht ernst genommen, nur sehr
oberflächlich und schnell behandelt und ihr gesagt, das sei nichts
Ernstes, allenfalls eine Gewebeverhärtung, die mit einer Salbe
behandelt werden kann. Er hat es nicht so gesagt, aber Astrid deutlich
das Gefühl gegeben, sie sei ein wenig hysterisch - wenn Astrid eines
nicht war, dann hysterisch. Wie dem auch sei, ich habe noch vor Augen,
wie wir uns nach dem Arzttermin im Café Köln (in der Südstadt)
getroffen und mit Sekt darauf angestoßen haben, dass kein Krebs
festgestellt worden ist.
Im Dezember 2001 hatte Astrid dann Schmerzen in der Brust, zusätzlich
in der linken Achselhöhle, die deutlich verhärtet war. Ihr Hausarzt
hat wohl sofort geahnt, dass das etwas Schlimmes sein könnte, hat sich
ans Telefon gehangen und direkt einen Termin für eine Mammografie
vereinbart. Das Bild war so eindeutig, dass sich die Ärztin auch ohne
Biopsie oder andere Untersuchungen mit hoher Wahrscheinlichkeit sagen
konnte, dass dies Krebs sei. Die Brust war stark "marmoriert". Seit
der Behandlung beim Frauenarzt waren jetzt zehn Monate vergangen. Ich
habe irgendwo mal gelesen, dass ein Tumor etwa 80 Tage braucht, um
sich in der Größe zu verdoppeln. Es ist bitter, sich auszumalen, wie
viel höher Astrids Überlebenschancen gewesen wären, wenn sich der
liebe Dr. M. im Februar 2001 etwas mehr Mühe gegeben und
umfangreichere Untersuchungen eingeleitet hätte. Zehn Monate sind für
Krebs ein verdammt lange, viel zu lange Zeit.
Ich erinnere mich, dass ich an diesem Vormittag einen dienstlichen
Termin und daher mein Telefon umgestellt hatte. Astrids Anruf landete
daher bei einer Kollegin, die mich aus dem Termin herausgeholt hat
("es ist wohl wichtig" o.ä.). Astrid sagte mir dann am Telefon, dass
bei ihr Krebs festgestellt worden ist. Ich war erst einmal wie
betäubt, bin aber natürlich sofort nach Hause gefahren. Zu Hause
angekommen haben wir dann gemeinsam geweint. Es ist das einzige mal,
an das ich mich erinnere, dass ich Astrid in den drei Jahren ihrer
Krankheit habe weinen sehen. Natürlich haben wir zunächst darüber
gesprochen, wie es denn jetzt weiter geht. Viel war da aber zunächst
nicht zu besprechen, denn der Termin im Krankenhaus war schon für den
kommenden oder übernächsten Tag (ganz genau weiß ich das nicht mehr)
vereinbart worden. Wir haben dann versucht, uns ein wenig
abzulenken. Ich weiß noch, dass wir an dem Nachmittag über den
mittelalterlichen Weihnachtsmarkt am Kölner Schokoladenmuseum spaziert
sind und dass wir uns Abends mit zwei engen Freunden von Astrid in
einem mexikanischen Restaurant getroffen haben.
Wenn ich es richtig auf die Reihe bekomme, war Astrid direkt nach der
Mammografie noch zu ihrer Arbeit gefahren und hat dort ihren
Schreibtisch aufgeräumt, wohl wissend, dass sie sobald nicht wieder
zur Arbeit gehen konnte. Eine Freundin und Kollegin von Astrid
erzählte mir kürzlich, dass sie diesen Vormittag noch vor Augen
hat. Sie weiß noch, wie Astrid herzhaft in ein Käsebrötchen gebissen
hat und zu ihr gesagt hat "Da muss schon etwas anderes kommen, um mir
den Appetit zu verderben." Ein Stück weit war das bestimmt
Galgenhumor, es deutet aber auch an, wie stark und tapfer diese kleine
Frau war.
Die Ärztin, die die Mammografie vorgenommen hatte, empfahl Astrid auf
Nachfrage das St. Elisabeth-Krankenhaus in Köln-Hohenlind. Die
Aufnahme dort habe ich in angenehmer Erinnerung: Ein netter
Stationsarzt hat sich die Zeit genommen, uns ausführlich zu erklären,
welche OP bei Astrid wahrscheinlich ist und welche Optionen und
Wahrscheinlichkeiten es gibt. Auch die Oberärztin, die dann auch die
OP durchgeführt hat, wirkte nicht gehetzt und hat sich Zeit für uns
genommen. Wir haben in den kommenden Jahren leider ganz andere und
miese Erfahrungen mit Krankenhäusern gemacht (insb. über die Kölner
Uniklinik könnte ich so einiges erzählen), die Aufnahme und Betreuung
in Hohenlind war aber wirklich angenehm. Zunächst sind dann erst
einmal einige weitere Untersuchungen gemacht worden, u.a. eine
Stanz-Biopsie und eine Untersuchung von Knochen und inneren Organen
auf Metastasen. Ein Hoffnungsschimmer: Metastasen wurden damals keine
festgestellt. Noch vor Weihnachten, am 21.12.2001, wurde Astrid
operiert. Ich erinnere mich noch, dass wir am Abend vor der Operation
gegenüber des Krankenhauses in einer Pizzeria gewesen sind und auf
einen erfolgreichen OP-Verlauf angestoßen haben. In dem Lokal sind wir
dann noch häufiger gewesen, immer an den Vorabenden der Chemotherapie
(für die ersten Chemos wurde Astrid jeweils am Vortag der Infusion
stationär aufgenommen). Die Operation hat mehrere Stunden
gedauert. Gut war, dass es gelang, Brust-erhaltend zu operieren,
d.h. die Brust wurde nicht amputiert, sondern mit einem Silikon-Kissen
und einem Rückenmuskel (daher eine lange Narbe von der Mitte des
Rückens bis zur Seite der Brust) "gefüllt". Schlecht war, dass die
Lymphknoten unter der Achsel auch bereits befallen waren; wenn ich es
richtig in Erinnerung habe, wurden 16 Lymphknoten entfernt. Dieser
Lymphknotenbefall hat darauf hingedeutet, dass der Krebs bereits im
Streuen begriffen war. Mir war damals nicht klar, dass man hier im
Grunde schon von Metastasen sprechen musste, das ist mir erst bewusst
geworden als ich nach Astrids Tod ihre gesamten medizinischen
Unterlagen sortiert und abgeheftet habe.
Weihnachten und Silvester hat Astrid im Krankenhaus verbringen müssen,
aber sie hat die OP gut verdaut und war recht schnell wieder auf den
Beinen. Der Krankenhausaufenthalt mündete dann in die erste
Chemotherapie, die Mitte Januar begann.
Die Ärzte hatten vorgeschlagen, zwei Chemotherapien (beide in 4
Zyklen, zwischen den Infusionen lagen jeweils drei Wochen Pause)
durchzuführen. So wurde es dann auch gemacht. Die linke Achsel, in der
ja Lymphknoten befallen waren, wurde zudem bestrahlt. Die Bestrahlung
fand allerdings nicht im Krankenhaus statt, sondern, nachdem sie
entlassen worden war, werktäglich und ambulant im
strahlenmedizinischen Institut in der Kölner Innenstadt. Die
Chemotherapien hat Astrid vergleichsweise gut weg gesteckt. Zwar
begannen nach der zweiten oder dritten Infusion die Haare auszufallen
und sie hat an den Tagen der Infusionen (und den darauf folgenden
Nächten) auch durchaus mit Kotzerei zu tun gehabt, aber im Vergleich
zu anderen Frauen, die sie während der Chemotherapie kennen gelernt
hat und die auch zwischen den Infusionen heftig mit Übelkeit und
Schwäche zu tun gehabt haben, hat sie sich jedes mal recht gut erholt
und war ein paar Tage nach den Infusionen wieder auf den
Beinen. Allerdings hat sie mit vielen Kleinigkeiten Pech gehabt. Die
Ärzte hatten Schwierigkeiten, bei ihr Zugänge zu legen. Eine der
ersten Infusionen ist daneben gelaufen und hat zu Schmerzen und
Verhärtungen im Bereich des Handgelenks geführt, die noch Monate
blieben. Daraufhin hat sie in einer ambulanten OP (am 23.01.2002)
einen Port gelegt bekommen. Der hat zwar die folgenden Infusionen sehr
erleichtert, jedoch war die OP nicht pannenfrei, sondern Astrid hatte
über Wochen hinweg einen gewaltigen Bluterguß, wegen dem sie in ihren
Bewegungen stark eingeschränkt war, insb. konnte sie den rechten Arm
nicht heben. Daher hat sie in dieser Zeit Hilfe beim Waschen und
Anziehen gebraucht. Bei diesen Pannen haben wir uns jeweils gesagt:
"Na gut, bei den 'Kleinigkeiten' hat Astrid Pech, das ist ok so, wenn
die 'großen' Behandlungen wie Brust-OP und Chemos gut laufen."
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| Astrid im Jahr 2002: |
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Im Frühjahr (während der ersten Chemo, mit
Schutz vor beginnender Glatze), Pfingsten (zwischen erster und
zweiter Chemo, Haare wachsen gerade nach) und im Sommer (nach der
zweiten Chemo, wieder ohne Haare)
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Astrid hat medizinisch gesehen wirklich das volle Programm "genossen":
Zusätzlich zu Chemotherapie und Bestrahlung wurde auch frühzeitig mit
einer Hormontherapie begonnen, da man davon ausging, dass der Tumor
auf Östrogene reagierte. Daher wurde die körpereigene
Östrogen-Produktion geblockt. Unangenehme Nebenwirkung hiervon: Astrid
wurde in die Wechseljahre versetzt, was bekannterweise auch psychische
Konsequenzen hat, was wiederum mit Medikamenten behandelt wurde. Diese
Hormontherapie hat Astrid auch fast bis zum bitteren Ende
durchgezogen.
Astrid hat von Anfang an viel über die Krankheit und mögliche
Therapien gelesen, um zu verstehen, was die Ärzte ihr vorschlugen und
um kritische Fragen stellen zu können. Zunächst war das Buch
"Brustkrebs - Wissen gegen Angst" von Lilo Berg eine gute
Informationsquelle. Sie hat aber auch nach alternativen
Behandlungsmethoden recherchiert, so z.B. nach einer Lauftherapie,
über die sie vor ihrer eigenen Krankheit etwas gelesen hatte. Sie hat
sich auch früh über Möglichkeiten zur Stärkung des Immunsystems
informiert und hier Beratungsgespräche in Anspruch genommen. Und sie
ist recht schnell bei den Büchern von Carl Simonton gelandet, der
mentale Methoden zur Unterstützung der Krankheitsbewältigung
entwickelt hat ("Auf dem Wege der Besserung" und "Wieder gesund
werden"). Sie hat dann recht früh angefangen, Visualisierungen in den
Tagesablauf einzubauen. Bei diesen Visualisierungen geht es darum,
sich bildlich vorzustellen, welche Prozesse im Körper ablaufen und den
Glauben an diese zu stärken. In Astrids Visualisierungen spielte immer
ein großer, schöner weißer Hund aus unserer Nachbarschaft eine
wichtige Rolle. Dieser fraß in Astrids Körper die Krebszellen weg. Da
er die Rolle der guten weißen Blutkörperchen übernahm, haben wir ihn
fortan immer "Leuko" (wie bei Leukozyten, medizinischer Fachbegriff
für weiße Blutkörperchen) genannt, auch wenn wir ihm im realen Leben
begegneten (später erfuhren wir, dass er eine sie ist und eigentlich
Sandy heißt; für uns blieb es aber immer Leuko).
Astrid hat auch nach weiteren medikamentösen Möglichkeiten gesucht und
ist so auf das Medikament Herceptin gestoßen. Dieses wurde bislang
recht erfolgreich gegen Metastasen eingesetzt. Astrid fand heraus,
dass es eine Pilotstudie gab, durch die der Einsatz dieses
Medikamentes bei Patienten getestet wurde, die noch keine Metastasen
haben (die sog.. "Hera-Studie"). Es gelang ihr, an dieser Pilotstudie
teilzunehmen. Leider musste sie hier nach einigen Monaten ausscheiden,
als bei ihr nämlich die ersten Metastasen auftraten (s.u.). Ab dann
nahm sie Herceptin regulär.
Auch wenn Astrid sich viel mit ihrer Krankheit beschäftigt und viel
dazu gelesen hat, so hat sie doch nicht zugelassen, dass einzig die
Krankheit ihr Leben bestimmt. Es gab auch in den ersten Monaten nach
der OP und während bzw. zwischen der Chemos schöne Momente und
Tage. So waren wir z.B. im Frühjahr 2002 für einige Tage im Landhotel
Jammertal, einem ziemlich edlen Wellness-Hotel und haben es uns
richtig gut gehen lassen, gefaulenzt und geschlemmt. Ich sehe Astrid
noch vor mir auf einem Liegestuhl liegen, sie hatte (wegen der
Chemo-Glatze) ein Piratentuch auf dem Kopf und hat im Simonton-Buch
gelesen. Ich erinnere mich, dass sie dort die Buffets, insbesondere
das große italienische Buffet, sehr geliebt hat (und deswegen in den
Folgejahren wieder ins Jammertal wollte). Ich erinnere mich auch, dass
wir Astrids 33. Geburtstag am 02.02.2002 schön gefeiert haben und
Nachmittags viele Gäste hatten.
Gegen Ende des Frühjahres (ab dem 20. Mai 2002) hat Astrid dann auch
wieder angefangen zu arbeiten. Sie hat das sog. "Hamburger Modell"
genutzt, d.h. sie ist stundenweise und Schritt für Schritt wieder dem
normalen Alltag näher gekommen.
Im Sommer 2002 hatten wir dann einen wunderschönen Urlaub. Er war
dreigeteilt: In der ersten Woche waren wir mit meiner Familie
(insgesamt waren wir 8 Erwachsene und 7 Kinder) am Millstädter See,
für die zweite Woche sind wir zu zweit weiter nach Slowenien gefahren
und in der dritten Woche waren wir dann in der Toskana. Es war ein
toller Urlaub, an den ich viele schöne Erinnerungen habe und den auch
Astrid sehr genossen hat. Ich glaube, die Toskana war immer ein
Wunschziel von ihr gewesen. Allerdings: So toll der Urlaub war, so war
es doch der richtige Urlaub zur falschen Zeit. Nach den
vorangegangenen Monaten wäre es rückblickend sinnvoller gewesen, einen
"Kurlaub" zu machen, mit ganz viel Ausruhen, am Strand liegen,
Schlafen. Es wäre besser gewesen, für zwei bis drei Wochen an einen
festen Ort zu fahren, anstatt mehrfach das Quartier zu
wechseln. Leider war es auch so, dass Astrid in der dritten Woche
eines Morgens nach einer Bewegung des Rückens Schmerzen hatte, die sie
mehrere Tage begleiteten und die in den ersten Tagen auch eine starke
Behinderung waren. Die Untersuchung zu Hause, die Ende Oktober 2002
erfolgte, ergab dann leider das unausgesprochen bereits Befürchtete:
Sie hatte Knochenmetastasen an der Wirbelsäule.
Die folgenden Wochen brachten einige der unangenehmsten Erfahrungen
mit Ärzten. Bei Astrid bestand für einige Tage der Verdacht, dass sie
im Halswirbelbereich stark frakturgefährdet ist. Wäre so eine Fraktur
passiert, hätte das eine Querschnittslähmung bedeutet, und zwar vom
Hals an abwärts. Sie wurde zunächst in eine sportorthopädische Klinik
überwiesen. Die Ärzte dort konnten den Befund zwar nicht klären, haben
sich aber sehr korrekt verhalten, indem sie gleich für den nächsten
Tag für Astrid einen Termin in der Uniklinik Köln vereinbarten, und
zwar bei einem Professor, der als Kapazität für solche Probleme
galt. Als Astrid sich dort am nächsten Tag meldete, wurde ihr
mitgeteilt, dass der Professor heute gar nicht im Hause sei. Sie
durfte dann immerhin warten, man wollte prüfen, ob eine
Assistenzärztin sie behandeln könne. Während sie so da saß, kam eine
ältere Dame an den Empfang und wurde kurze Zeit später vom Herrn
Professor persönlich (- der ja laut Auskunft gar nicht im Haus war -)
abgeholt. Das klingt ein bisschen wie ein schlechter Comic, ist aber
wirklich passiert. Einige Zeit später hat sich dann eine junge,
offensichtlich überlastete und hektische Ärztin um sie gekümmert. Sie
ließ erneut ein Röntgenbild machen (obwohl das auch am Tag vorher in
der sportorthopädischen Klinik gemacht wurde und Astrid es auch mit
dabei hatte), einige Zeit später zeigte sie Astrid am Röntgenbild,
dass im Bereich der Lendenwirbel alles in bester Ordnung war. Astrid
wies darauf hin auf einen anderen Fleck auf dem Bild (im
Halswirbelbereich) hin, den die Ärztin gar nicht bemerkt hatte. "Ach
ja richtig, hmmm, da frage ich besser mal den Professor" (der ja
eigentlich gar nicht im Haus war) - sprach's und verschwand aus der
Tür. Einige Zeit später kam sie wieder herein gerauscht und
verkündete, dass wirklich alles in Ordnung sei. Sehr
vertrauenserweckend! Erst nachdem ein weiterer Orthopäde die Diagnose
bestätigt hat, konnte Astrid wieder halbwegs beruhigt im Auto oder Zug
mitfahren, vorher musste sie permanent Angst haben, dass eine
Erschütterung (z.B. ein Auffahrunfall oder heftiges Bremsen) zu einer
Fraktur führt.
Das klingt jetzt alles nach arger Meckerei über die Ärzte. Ich möchte
hier betonen: Astrid hatte hervorragende Ärzte! Ihr Gynäkologe, zu dem
sie gewechselt war, hat sich immer viel Zeit für sie genommen, er hat
sogar öfters bei uns zu Hause angerufen, um sich von sich aus über
Astrids Zustand zu erkundigen. Unser Hausarzt hat sich in Astrids
letzten Wochen viel Zeit genommen, uns über weitere Möglichkeiten zu
beraten und hat Astrid auch mehrfach zu Hause besucht. Zudem hatte sie
einen Psychoonkologen, der ihr eine wirkliche Hilfe war. Allerdings
haben spätestens die Erfahrungen in der Uniklinik gezeigt: Es ist
wichtig, sich Ärzte seines Vertrauens zu suchen, nicht alles
hinzunehmen, kritische Fragen zu stellen und, wenn die Chemie nicht
stimmt, auch einmal den Arzt zu wechseln. Ärzte sind für Schwerkranke
mit die wichtigsten Ansprechpartner und Bezugspersonen. Hier muss es
unbedingt ein Vertrauensverhältnis geben. Viele Ärzte werden dem
gerecht, viele aber auch leider nicht. Und: Das ist keine Frage
unseres Gesundheitssystems, sondern der persönlichen Einstellungen der
Ärzte.
Die Knochenmetastasen wurden dann erneut bestrahlt, was auch
erfolgreich war. Bis zu ihrem Tod hat Astrid keine nennenswerten
Schwierigkeiten mehr mit Knochenmetastasen gehabt.
Es folgten einige Monate, in denen keine zusätzlichen Probleme
auftraten. Wir gingen unserem normalen Leben nach, Astrid fühlte sich
gut belastbar. Im Herbst 2002 fuhr Astrid das erste mal in Kur, war
für vier Wochen auf Borkum. Die Ruhe, die Meerluft und die viele
Bewegung haben ihr gut getan. Im Februar 2003 hat sie sich dann sogar
- trotz Knochenmetastasen - getraut, einen Skiurlaub mitzumachen, was
auch gut funktioniert hat.
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| Astrid im Winter 2003: schwer sportlich .....
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Der große Einschnitt erfolgte dann im Mai 2003. Bei einer
Routineuntersuchung wurden Metastasen in der Lunge und in der Leber
festgestellt. Wir hatten noch gut eine Ärztin im Ohr, die seinerzeit
bei den Knochenmetastasen zu Astrid gesagt hatte: "Das lässt sich gut
behandeln, schlimm wäre es, wenn es Organmetastasen wären, denn dann
läge die weitere Lebenserwartung bei durchschnittlich nur noch zwei
Jahren." Jetzt war es also so weit und (zumindest bei mir) ging erst
einmal sämtlicher Optimismus in die Brüche. Ich glaube, in diesen
Tagen war ich relativ nahe am Nervenzusammenbruch - Astrid war
übrigens (wie immer) deutlich gefasster als ich. Astrid hat dann
entschieden, kurzfristig an einer Patientenarbeitswoche bei Dr. Carl
Simonton teilzunehmen, die in der Woche stattfand, die auf die
Diagnose folgte. Glücklicherweise konnte ich kurzfristig eine Woche
frei nehmen und sie begleiten (bei diesen Patientenarbeitswochen ist
die Teilnahme der Unterstützungsperson ausdrücklich erwünscht). Diese
Arbeitswoche bezeichne ich rückwirkend als Initialzündung für Astrid.
Bei den Methoden, die Dr. Simonton empfiehlt und die in der
Patientenarbeitswoche ausführlich erprobt wurden, geht es vor allem um
Möglichkeiten, wie man durch Denken und Vorstellungskraft die
Krankheit positiv beeinflussen kann und wie man wieder zu Hoffnung
kommt. Die Patientenarbeitswoche kam für uns genau zur rechten Zeit:
Wir sind schwer angeschlagen dorthin gefahren und konnten dort viel
Kraft und Zuversicht auftanken.
Dr. Simonton arbeitet viel mit Visualisierungen. Dies war für Astrid
der Ausgangspunkt für eine erstaunliche spiritiuelle Entwicklung. Von
Visualisierungen ist es nur ein kleiner Schritt hin zu Meditationen,
die Astrid schon bald regelmäßig durchführte. Sie holte sich hierzu
weitere Anregungen, zunächst durch Literatur (- die z.T. von
Dr. Simonton in der Arbeitswoche vorgestellt wurde, z.B. "Das Wunder
der Achtsamkeit" von Thich Nhat Hanh -), später durch Besuche bei
buddhistischen Lehrern. Sie fühlte sich zum Buddhismus hingezogen und
war schließlich im Sommer 2004 kurz davor, einer buddhistischen
Gemeinschaft beizutreten.
Was hat diese Hinwendung zu spirituellen Themen Astrid gebracht? Zum
einen wurde sie dadurch viel ruhiger und gelassener. Vor allem aber
führte sie seitdem ihr Leben sehr bewusst und achtsam, sie hat viel
mehr wahrgenommen und dadurch viel mehr Schönes um sich herum gesehen
als wir das alle tun. Und schließlich glaube ich, dass sie sich auch
mit dem Sterben befasst hat und irgendwie gelang es ihr, diesem Thema
den Schrecken zu nehmen.
Nach der Patientenarbeitswoche hat Astrid nicht nur angefangen zu
meditieren, parallel dazu hat sie auch erneut eine Chemotherapie
begonnen. Dieses mal war es eine sanftere Form, die täglich in
Tablettenform eingenommen wurde (mit wochenweisen Pausen dazwischen)
und weniger sichtbare Nebenwirkungen hatte. Mit Übelkeit hatte Astrid
dieses mal nichts zu tun und auch die Haare fielen nicht mehr aus. Es
haben sich allerdings andere Nebenwirkungen ergeben: Astrid machte das
sog. Fatigue-Syndrom sehr zu schaffen, d.h. sie fühlte sich häufig
müde und schlapp. Für mich war es fast schwerer, mit einer solchen
Nebenwirkung umzugehen, da sie nicht sichtbar war, sondern sich in
Astrids Inneren abspielte. Wahrscheinlich habe ich häufiger den Fehler
gemacht, dieses Syndrom mit Trägheit zu verwechseln und habe Astrid
dementsprechend falsch behandelt. Eine weitere Nebenwirkung: Sie hatte
am großen Zeh eine Wunde, die trotz verschiedener Methoden nicht
wieder verheilte. Dies gelang erst im Sommer 2004 wieder, nachdem
Astrid die Chemo abgesetzt hatte. Trotz aller unangenehmer
Nebenwirkungen: Die Kombination aus Chemo und Visualisierungen und
Meditationen hatte Erfolg - bei der nächsten Untersuchung, im
Spätsommer 2003, waren die Metastasen weg! Ich hatte zu dieser Zeit
wieder großen Optimismus, dass alles gut enden könnte.
Auf das Fatigue-Syndrom hat Astrid reagiert, indem sie ihre tägliche
Arbeitszeit reduziert hat. Gott sei Dank hatte sie einen super
Arbeitgeber (der DEVK, insbesondere den Kollegen der
Anwendungsentwicklung sei an dieser Stelle einmal ausdrücklich
gedankt), der sie in jeder Form unterstützt hat, so dass diese
Arbeitszeitverkürzung kein großer Kampf war. Durch die Verkürzung
hatte Astrid auch mehr Freiraum am Tag für Visualisierungen und
Meditationen. Zudem hat sie sich mit Yoga beschäftigt und auch hier
eine Zeit lang Übungen in den Tagesablauf integriert.
Im Oktober/November 2003 war Astrid dann erneut in Kur, dieses mal auf
Föhr. Diese Kur hat ihr nicht nur sehr gut gefallen, sondern auch
richtig gut getan. Sie hatte auch das Glück, dass ihr Aufenthalt, der
ursprünglich nur für drei Wochen vorgesehen war, aufgrund ihres
ausgeprägten Fatigue-Syndroms auf insgesamt fünf Wochen verlängert
wurde.
Ab Herbst 2003 hat Astrid sich auch intensiv mit dem Thema Ernährung
beschäftigt. Zwar hat sie sich bereits seit Ausbruch der Krankheit
sehr um eine grundsätzlich gesunde Ernährung bemüht (wenig Fleisch,
wenig Fett, viel Gemüse und Obst, fast ausschließlich Bio-Produkte),
jetzt ging sie das aber noch konsequenter an. Seit dem 1.1.2004 hat
sie konsequent auf Fleisch und Milchprodukte
verzichtet. Ausschlaggebend für den Verzicht auf Milchprodukte war ein
Buch, das ihr auf Föhr in die Hände fiel und demzufolge Milch und
Milchprodukte Brustkrebs begünstigen. Im Laufe des Jahres hat Astrid
dann, ausgelöst durch eine Ernährungsberatung und Kochkurse im
Restaurant "Five seasons" in Köln, weitgehend nach den Regeln der
5-Elemente-Küche ernährt. Auch wenn ich dem zunächst skeptisch
gegenüber stand (gut Essen gehen war immer eines unserer liebsten
Hobbies und uns sehr wichtig gewesen): Ich habe dies nicht als
gravierende Einschränkung empfunden. Diese Art der Küche ist mir nicht
nur gut bekommen, sondern ist auch richtig lecker (und außerdem: wir
sind weiterhin ab und an essen gegangen, Astrid hat immer Gerichte
ohne Fleisch und Milchprodukte gefunden, insbesondere bei asiatischen
Restaurants ist das gar kein Problem). Anders erging es mir bei der
makrobiotischen Ernährung, auf die Astrid im Herbst 2004 übergehen
wollte. Das hat sie nicht durchgehalten, ich halte diese Art der
Ernährung auch (alle Makrobiotik-Anhänger mögen mir das bitte
verzeihen) für genussfeindlich - und Suppe mit Algen zum Frühstück ist
wirklich nicht lustig! Astrid hat ganz fest daran geglaubt, dass die
Ernährungsumstellung ihr Schlüssel zum Gesundwerden ist.
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| Astrid & ich Weihnachten 2003: |
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Eine Zeit der Ruhe - auch, was ihre Krankheit anging
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Nachdem zunächst die täglich einzunehmende Dosis verringert worden
war, hat Astrid die Chemotherapie dann eingestellt; leider erinnere
ich mich nicht mehr an den genauen Zeitpunkt. Ihr machte das
Fatigue-Syndrom sehr zu schaffen, sie litt mehr darunter als ich und
ihre Umgebung dies wahr haben konnten und wollten. In ihr reifte die
Überzeugung, dass, wenn es für sie einen Weg zur Überwindung der
Krankheit gibt, dieser nichts mit Chemotherapie zu tun hat, sondern
dass er eher durch mentale Arbeit, geistigen Beistand und gesunde
Ernährung zu erreichen ist. Das Ablehnen der Chemotherapie bedeutete
nicht, dass sie medizinische Hilfe ablehnte. Vielmehr suchte sie nach
neuen, anderen und verträglichen Wegen. Ein wichtiger Bestandteil
ihres Kampfes gegen den Krebs wurden regelmäßige Behandlungen bei
einem Arzt für traditionelle chinesische Medizin. Diese Behandlungen
waren ihr eine wichtige Stütze, sie hat große Hoffnung hierauf
gesetzt. Etwa ab Sommer 2004 reifte in Astrid zudem der Plan, zu einem
Geistheiler zu reisen und dort nach Heilung zu suchen. Ihr großes Ziel
war eine Reise nach Brasilien, zum dort ansässigen Geistheiler Joao de
Deus.
Die nächste Hiobs-Botschaft kam dann im Juli 2004. Eine
Routineuntersuchung ergab, dass die Metastasen in Leber und Lunge
wieder aufgetaucht sind. Astrid reagierte darauf, indem sie sich in
die Veramed-Klinik in Meschede (Sauerland) einweisen ließ, eine
Klinik, die sich auf ganzheitliche Tumorbehandlung spezialisiert hat,
d.h. die nicht nur medizinische Standards wie Chemotherapie oder
Hormontherapie anbietet, sondern darüber hinaus auch die Stärkung des
Immunsystems (z.B. durch Sauerstoffzufuhr) und alternative Methoden
(biologische Krebsbekämpfung) im Programm hat. Mit dem dortigen Arzt
verständigte sie sich darauf, zunächst keine weitere Chemotherapie in
Angriff zu nehmen, sondern es erst einmal mit einer konsequenten
Schonung (ab diesem Zeitpunkt arbeitete sie nicht mehr) und einer
anderen Form der Hormontherapie zu versuchen. Außerdem nahm sie für
einige Wochen ein Naturpräparat aus dem Regenwald namens Graviola, auf
das sie bei Internetrecherchen stieß und von dem sie sich einiges
versprach. Außer Magenbeschwerden, die nach einigen Wochen
auftauchten, hat es ihr aber nichts gebracht.
Den Sommer über hatte Astrid keine Beschwerden. Sie nutzte den Tag für
ausgiebige Visualisierungen, Meditationen, viel Bewegung (insbesondere
Radtouren) und eine konsequent gesunde Ernährung - was sehr
zeitaufwändig ist. Zudem recherchierte sie weiter nach Möglichkeiten,
was sie für die Stabilisierung ihres Gesundheitszustandes tun
könnte. Im Internet stieß sie dabei auf ein hoch konzentriertes
Vitamin- und Nährstoffpräparat (Celagon Aurum), das sie bestellte und
seitdem regelmäßig nahm. Es ging ihr gut in diesen Wochen und ich
hatte durchaus das Gefühl, auf diesem Niveau könnte es noch Monate
oder sogar Jahre weiter gehen. Aber dann ging alles rasend schell.
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| Sommer - September 2004: |
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Bilder aus Köln und Texel (rechtes Bild)
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Im September 2004 ging es Astrid noch gut. Wir waren noch einmal für
eine Woche auf Texel und verlebten einen durchweg heiteren und
unbeschwerten Urlaub. Sie war noch so fit, dass ein- oder zweistündige
Radtouren oder lange Spaziergänge durch die Nationalparks De Muy und
De Slufter problemlos und gut gelaunt möglich waren. Im Anschluss an
diesen Urlaub haben wir noch langfristige Zukunftspläne geschmiedet,
z.B. den Kauf einer Eigentumswohnung. Am 15.09.2004 haben wir mit
einem tollen Essen in Jan's Restaurant (Köln-Müngersdorf) unseren
ersten Hochzeitstag gefeiert. Sie hat das Essen sehr genossen. Wir
haben darauf angestoßen, noch viele weitere Hochzeitstage feiern zu
können. Keiner von uns beiden verschwendete einen Gedanken daran, dass
dies schon der letzte sein konnte. Rückblickend muss ich sagen, dass
dieser September ein richtig schöner Monat für uns war, mit vielen
schönen Erinnerungen und keinesfalls dominiert oder geprägt von
Astrids Krankheit.
Auch in der ersten Oktoberhälfte ist sie noch guter Dinge und viel mit
ihrem Fahrrad unterwegs. Ich meine mich aber zu erinnern, dass sie
Mitte Oktober erstmals erwähnt, dass eine Ultraschalluntersuchung bei
ihrem Gynäkologen ergeben hat, dass sich die Leber-Metastasen
offensichtlich vergrößert haben und der Arzt darüber ratlos war, was
jetzt noch getan werden könnte. Vom 18. - 20.10.2004 war ich auf einem
Seminar in Nordhessen. Als ich zurück kam, fiel mir erstmals sehr
deutlich auf, dass es Astrid schlechter ging. Sie berichtete mir, dass
sie in den letzten Nächten schlecht geschlafen hatte, da sie Schmerzen
im Rücken hatte, die von den Knochenmetastasen stammen könnten. Sie
wirkte deutlich geschwächt. In den darauf folgenden Tagen fiel mir
auf, dass sie zunehmend Probleme damit hatte, Strecken von mehr als 10
Minuten Länge mit dem Fahrrad zu schaffen und dass sie sich das ein
oder andere mal übernahm.
Ende Oktober wird dann zunehmend sichtbarer, dass die durch die
Metastasen verursachten Leberprobleme akut werden: Sie wird zunehmend
gelber, außerdem immer müder und schlapper (ich habe irgendwo einmal
gelesen: "Der Schmerz der Leber ist die Müdigkeit" - das scheint zu
stimmen). Am 24.10. besuchten wir die Museumsinsel Hombroich
(Neuss). Auch wenn der Ausflug schön war, verdeutlichte er
eindringlich Astrids Probleme: Wir rasten auf fast jeder Parkbank, sie
benötigt viele Pausen und hat nicht die Konzentration oder Kraft, sich
die ausgestellten Kunstwerke wirklich anzuschauen. Am 28.10. findet in
der Strahlenklinik eine Magnet-Resonanz-Tomographie (MRT) statt, die
bestätigt, dass sich die Metastasen vermehrt haben und insbesondere
die Leber stark betroffen ist. Noch am selben Nachmittag empfiehlt uns
unser Hausarzt/Internist, Astrid in die Uniklinik einzuweisen, damit
ein sog. ERCP durchgeführt wird. Im Rahmen dieser OP wird ein
sog. "Stent" eingesetzt, der den zunehmend blockierten Abfluss von der
Leber wieder herstellen kann. Da Astrid gerne in der darauf folgenden
Woche nach Ibiza fliegen wollte, um dort eine 14-tägige Therapie beim
Geistheiler Rolf Drevermann durchzuführen, stellte uns der Arzt, um
die Behandlung zu beschleunigen, eine Noteinweisung aus.
Noch am selben Abend fahren wir in die Uniklinik, der Aufenthalt wird
jedoch ein Desaster: Es dauert gut vier Stunden, bis für Astrid ein
Bett gefunden wird. Die Wartezeit fällt ihr schwer. Man schickt uns
zunächst in die Chirurgie, die mit solchen Eingriffen aber gar nichts
zu tun hat und uns zurück in die Aufnahme schickt. Dort bemüht sich
der diensthabende Anästhesist um uns, sorgt zumindest für eine Liege
für Astrid und hängt sich ans Telefon. Schließlich findet er ein Bett
in der Frauenklinik und schickt uns dorthin. Bei der Aufnahme dort
wird Astrid gesagt, dass es bestimmt am nächsten Tag zu der Stent-OP
kommen kann. Davon ist dann am nächsten Morgen keine Rede mehr. Ihr
wird eröffnet, dass es so kurzfristige Termine höchstens für Patienten
mit hohem Fieber gibt. Ihr wird ein ambulanter Termin am 3.11.04
verschafft. Am Nachmittag wird sie wieder entlassen, ohne dass in den
20 Stunden in der Uniklinik auch nur irgend etwas Sinnvolles passiert
ist. Zu allem Überfluss gibt es auch noch ein Gespräch mit der
Oberärztin, in dem sie Astrid vorwirft, dass sie sprunghaft und ohne
erkennbaren Plan ist. Muss man einer Patientin, die zum einen
geschwächt ist, zum anderen seit drei Jahren jedes medizinische
Angebot der Ärzte angenommen hatte, so etwas vorwerfen? Es hat Astrid
tief erschüttert.
Immerhin: Die ERCP verläuft erfolgreich, der Stent wird eingesetzt und
Astrid beginnt sich zusehends zu entfärben. Sie beschließt, dass sie
die 14-tägige Reise zu Rolf Drevermann antreten kann. Es gelingt mir,
kurzfristig Flugtickets für sie zu kaufen. Am Sonntag, dem 07.11.2004,
bringe ich Astrid in aller Herrgottsfrühe (ich glaube, wir sind um
4:00 Uhr aufgestanden) zum Düsseldorfer Flughafen. Sie ist geschwächt
und benötigt häufige Sitzpausen, aber ist eigentlich ganz guter Dinge.
Dem Aufenthalt in Ibiza kann Astrid viele schöne Seiten
abgewinnen. Das Hotel liegt traumhaft schön direkt am Meer, sie
genießt den Blick vom Balkon über die Palmen und das Meer und das
angenehme und schöne Wetter. Mir gelingt es, für die zweite Woche
ihres Ibiza-Aufenthaltes unbezahlten Urlaub zu erhalten und sie zu
begleiten. In dieser Woche haben wir drei Tage Luft, an denen wir mit
einem Mietwagen die Insel erkunden. Es sind schöne Tage, die sie
offensichtlich genießt. Ich bin froh, dass es mir gelang, diese Woche
Urlaub zu bekommen, denn es waren unsere letzten gemeinsamen und
unbeschwerten Urlaubstage - für mich um so wichtiger, da uns Urlaube
und Reisen immer viel bedeutet haben. Mit Astrid zu verreisen, hat
einfach ungeheuer viel Spaß gemacht. Am Sonntag, den 14.11.2004
entsteht ein Foto, das mir viel bedeutet und meinen Glauben stärkt,
dass Astrid bis in ihre letzten Wochen hinein ein schönes und
lebenswertes Leben hatte. Es zeigt Astrid am Strand, im starken Wind
stehend. Für mich strahlt das Bild eine große Lebensfreude aus - dabei
hatte sie zu diesem Zeitpunkt nur noch 5 ½ Wochen zu leben. Ich
glaube, niemand sieht in diesem Bild eine schwer krebskranke und
leidende Frau.
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| Ibiza im November 2004: |
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Die letzten heiteren Urlaubstage
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Trotz dieser schönen Seiten zeigt der Ibiza-Aufenthalt auch, dass die
Probleme zunehmen. Astrid schafft es nicht, die 15 Minuten vom Hotel
in die Altstadt zu Fuß zu bewältigen. Wir lassen uns zwei mal mit dem
Taxi in die Stadt bringen und machen dort ganz kleine Spaziergänge,
die sie jedoch schnell an den Rand ihrer Kräfte bringen. Zudem hat sie
in einigen Nächten Schmerzen, mal im Rücken, mal im Bereich, wo der
Stent gelegt wurde, mal im Magen. Diese Schmerzen kann ihr Rolf
Drevermann nur manchmal nehmen.
Zu Rolf Drevermann: Eigentlich war es ja Astrids Traum gewesen, nach
Brasilien zu reisen, um dort den Geistheiler Joao de Deus in seinem
Zentrum zu besuchen. Sie hatte diese Reise bereits mit ihrer Freundin
Eva geplant, musste dann aber einsehen, dass sie für eine solch weite
Reise zu schwach war. Auf der Suche nach einer näher gelegenen
Alternative stieß sie auf Rolf Drevermann, der seit einigen Jahren auf
Ibiza Patientenbehandlungen anbietet. Ich gebe zu, dass ich hier sehr
skeptisch war, dass ich aber Astrid die Hoffnung nicht nehmen wollte
und es toll fand, dass es überhaupt noch etwas gab, was ihr Hoffnung
schenkte. Auf Ibiza habe ich meine Meinung geändert. Es gibt sicher
viele Menschen, denen Rolf Drevermann bislang helfen konnte, auch in
den 14 Tagen im November 2004 waren einige Patienten dabei, denen es
am Ende der Behandlung ganz offensichtlich deutlich besser ging als zu
Beginn. Sollte ich selber einmal schwer erkranken - ich würde Rolf
Drevermann aufsuchen, nicht als Ersatz, aber wohl als Ergänzung für
eine medizinische Behandlung.
Beim Thema "Geistheiler" haben wir bestimmt einige in unserem
Freundes- und Verwandtenbereich verschreckt (wenngleich fast niemand
offen sein Unverständnis hierüber geäußert hat). Ich glaube, dass die
Inanspruchnahme dieser Hilfe vielen wie eine Verzweiflungstat vorkam
und dass es die meisten lieber gesehen hätten, hätte sich Astrid noch
einmal ins Krankenhaus begeben, um es z.B. noch einmal mit einer
Chemotherapie zu versuchen. Hierbei muss man sich aber vor Augen
gehalten: Astrid hat wirklich das komplette medizinische Programm in
Anspruch genommen: Sie hat im Laufe der drei Jahre ihrer Krankheit
drei verschiedene Chemotherapien gemacht, sie hat zwei mal
Bestrahlungen bekommen, sie hat die gesamte Zeit über eine
Hormontherapie gemacht, sie hat begleitende Medikamente genommen, sie
hat auch alternative medizinische Therapien (Misteltherapie, Graviola)
versucht - und dennoch schritt die Krankheit unerbittlich voran: im
Dezember 2001 die Diagnose, im Herbst 2002 die Knochenmetastasen, im
Frühjahr 2003 die Organmetastasen, ab Sommer 2004 das erneute und
vermehrte Auftreten der Metastasen. Wer kann es Astrid verdenken, dass
sie langsam den Glauben daran verlor, dass ihr traditionelle
medizinische Behandlungen eine Perspektive bringen? Wer kann es ihr
verdenken, dass sie ihr Heil nun in anderen Methoden suchte, auch wenn
sie auf den ersten Blick obskur wirken? Ich hatte und habe großen
Respekt davor, dass Astrid bis zuletzt nach Möglichkeiten suchte, ihre
Krankheit zu überwinden und bis zuletzt nie die Hoffnung aufgab, dass
sie einen Weg findet, der ihr Heilung bringt. Dieser kleine Mensch (1
Meter 63 und ½, wobei Astrid immer das ½ betonte) hatte eine
unglaubliche Kraft und einen gewaltigen Glauben.
Ach ja, zum Thema "Glauben": Rolf Drevermann konnte Astrid im
medizinischen Sinne nicht mehr helfen, wohl aber in einem anderen
Sinne: Astrid findet ihren Zugang zum Christentum. In ihren letzten
Wochen treten Rosenkranzgebete an die Stelle der bisherigen
Meditationen. Astrid konnte in kurzer Zeit einen großen Glauben
aufbauen. Ich glaube, dass ihr dies beim Sterben eine wichtige Hilfe
war. Als es so weit war, konnte Astrid sterben. Anders als viele
andere jüngere Krebspatienten, die nicht loslassen können, ist Astrid
schnell und plötzlich gestorben. Pfarrer Hans Mörter hat bei Astrids
Beerdigung und im Vorbereitungsgespräch bei mir ein schönes Bild
benutzt. Er verglich Sterben mit einem Sprung ins Ungewisse. Es ist,
wie wenn man bei schlechter Sicht mit dem Rücken zu einer Schlucht
steht und springen muss, ohne zu wissen, was danach passiert. Man
benötigt Vertrauen, dass da jemand ist, der einen auffängt. Und Astrid
konnte springen.
Aber noch war es nicht so weit. Doch ab Anfang Dezember ging es jetzt
sehr schnell bergab, man konnte dabei zuschauen, wie die Kräfte und
ihre Möglichkeiten nach und nach schwanden. Gut deutlich wird es, wenn
ich mir die vier Adventwochenenden vor Augen führe:
- Am 1. Advent (28.11.04) waren wir bei ihren Eltern in Erkrath. Hier war sie zwar schon deutlich geschwächt, aber es war dennoch ein relativ heiterer Tag. Sie hatte noch, konnte problemlos während des Essens am Tisch sitzen, nahm ganz normal an der Unterhaltung teil. Am frühen Abend hatten wir sogar noch einen Abstecher nach Burscheid gemacht, um bei meiner Schwester einen Adventskranz abzuholen. Wenn es auch für sie anstrengend war, so ging doch alles relativ problemlos.
- Ich erinnere mich, dass wir am 2. Advent-Wochenende ins Café Sur
gegangen sind - unser Stammcafé, lediglich gut 200 Meter von unserer
Haustür entfernt. Sie hat das zu Fuß nicht mehr geschafft. Sie ist
stattdessen mit ihrem Fahrrad hingefahren, was aber sehr anstrengend
für sie war. Im Cafe saß sie dann völlig außer Atem und war sichtlich
mitgenommen. Die Heimfahrt und insbesondere auch das Treppenhaus (die
Wohnung liegt im zweiten Stock) hat sie nur mit großer Mühe
gemeistert.
- Am 3. Adventswochenende ging dann zu Fuß gar nichts mehr. Sie ist
gerade noch die Treppe runter gekommen, an Spaziergänge war nicht
mehr zu denken. Was aber möglich war: Ich hatte in der Woche zuvor
einen Rollstuhl organisiert und wir haben sowohl Samstags (am Rhein)
als auch Sonntags (Decksteiner Weiher) gut einstündige Spaziergänge
mit Freunden gemacht und waren anschließend jeweils im Café (Sürther
Bootshaus bzw. Café Krümel). Ich glaube, diese Ausflüge konnte sie
genießen und es hat sie gefreut, an die frische Luft zu kommen.
- Am 4. Adventswochenende ging dann auch das nicht mehr. Am Sonntag
haben mir Freunde geholfen, Astrid im Rollstuhl die Treppe herunter
zu tragen, dann haben wir einen kurzen Spaziergang durch den
Volksgarten unternommen. Das war für sie aber eine Qual, da sie nicht
mehr lange am Stück in einer Position sitzen konnte - was man im
Rollstuhl aber muss. Astrid war nie wehleidig und ich hatte sie (mit
einer einzigen Ausnahme) nie weinen sehen. An diesem Tag aber hat sie
im Rollstuhl gesessen und gewimmert. Der Spaziergang (maximal 30
Minuten) hat sie überfordert.
Was lag zwischen den Wochenenden?
Am 30.11. war sie das letzte mal bei der DEVK, hat an der
Abteilungs-Weihnachtsfeier teilgenommen. Sie wurde von einem Kollegen
zu Hause abgeholt und ich habe sie mit dem Auto wieder
"eingesammelt". Hier war sie schon sehr geschwächt, ich glaube, auch
ihre Kollegen waren erschrocken.
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| DEVK-Weihnachtsfeier 2004 |
Vom 15. - 17.12. war Astrid noch einmal im Krankenhaus (Uniklinik)
gewesen. Ursprünglich sollte sie nur ambulant den Stent erneuert
bekommen, da die Leberwerte wieder mies waren und sie wieder sehr gelb
war. Wegen des schlechten Allgemeinzustands, insbesondere wegen der
Aszitis, mit der sie sich seit 2-3 Wochen plagte (= Wassereinlagerung
im Bauch; sie hatte einen prallen und gespannten Bauch, was sehr
unangenehm war) wurde sie dann aber stationär aufgenommen. Wir hielten
das für eine gute Idee, weil die Ärzte versuchen wollten, ihr durch
eine Punktion (Ablassen des Wassers im Bauch) Erleichterung zu
verschaffen. Nachdem der erste Versuch nicht funktioniert hat (es
flossen lediglich rund 200-300 ml ab, der Arzt hatte zuvor gesagt,
dass er mit rund 2 Liter rechnet), wurde das aber wieder
aufgegeben. Überhaupt war der Aufenthalt in der Uniklinik (erneut)
eine Katastrophe: Nicht nur dass die Punktion vorschnell aufgegeben
wurde (am 2. Tag sagte der Arzt dann, dass das im Bauch wahrscheinlich
gar kein Wasser wäre, sondern Luft - was unser Hausarzt/Internist
später für sehr unwahrscheinlich hielt und eher davon ausging, dass
die Stationsärzte zu unerfahren waren), auch die Pflege und Betreuung
fand eigentlich nicht statt. Astrid blieb über zwei Tage ungewaschen,
keine Schwester hat ihr Hilfe angeboten. Als ich sie am Freitag
abgeholt habe, sprach mich die Schwester erstaunt an: "Ach, ist Ihre
Frau noch hier?" Das Mittagessen stand noch im Zimmer - obwohl es
später als 17 Uhr war.
Die letzten Tage war Astrid dann zu Hause. Auch wenn sie sehr schwach
war, so war sie doch ganz guter Dinge und hat sich keineswegs
aufgegeben. Ich weiß, dass wir noch am Nachmittag des 21.12. überlegt
haben, was wir tun können, um ihren Zustand zu verbessern. Sie wollte
es noch einmal mit Enzym-Präparaten versuchen (Wobe-Mugos, das sie im
Frühjahr 2004 schon einmal eine Zeit lang genommen hat) und bat mich,
diese in der Apotheke zu bestellen, was ich auch tat. Ich wollte sie
dann am nächsten Tag abholen.
Dazu kam es aber nicht mehr. Astrid ist am Morgen des 22.12.2004, laut
Totenschein um 6:40 Uhr, gestorben. Ich weiß, dass das unverständlich
ist, wenn man sich die vorherigen Absätze über den Dezember 2004
durchliest, aber für mich kam es trotz allem völlig
überraschend. Rückblickend weiß ich auch, dass ich in ihrer letzten
Nacht hätte erkennen können, dass da etwas nicht stimmte. Aber ich
habe das nicht so wahrgenommen (oder wahrnehmen wollen). Ein Stück
weit lag das sicher auch daran, dass Astrid so unerschütterlich
optimistisch war. Ein guter Freund hat mir am Tag nach dem Tod gesagt,
dass es uns Astrid irgendwie einfach gemacht hat, da sie uns irgendwie
mit ihrem Optimismus angesteckt hat. Selbst wenn man ihre
Geistheiler-Hoffnungen nicht teilen konnte, so hat wohl niemand
geglaubt, dass sie so schnell sterben könnte.
Ich habe erst etwa 10 - 15 Minuten vor ihrem Tod kapiert, was da
gerade passiert oder passieren könnte. In meiner Hilflosigkeit habe
ich dann schließlich den Notarzt gerufen - obwohl sie etwa 20 Minuten
vorher, als sie noch bei Bewusstsein war, meine Frage, ob ich ihn
rufen solle, verneint hat. Als ich die Sirenen des Notarztwagens
gehört habe, bin ich zur Haustür gelaufen, um diese aufzuschließen und
dem Fahrer des Wagens zu signalisieren, wo sie halten müssen. Es hat
vielleicht zwei oder drei Minuten gedauert, bis ich, gemeinsam mit dem
Arzt und den Sanitätern, wieder in der Wohnung war. In diesen Minuten
ist Astrid gestorben. In ihrem letzten Moment war ich also nicht bei
ihr.
Nach einem Blick auf die Krankengeschichte hat mir der Notarzt
signalisiert, dass er Astrid nicht wieder beleben wollte. Ich habe dem
zugestimmt. Ich glaube heute, dass das richtig war, obgleich ich so
gerne noch einmal ein paar Stunden gehabt hätte, um Astrid noch ein
paar Dinge zu sagen, sie noch einmal in den Arm zu nehmen und um mich
von ihr richtig zu verabschieden. Aber das ist egoistisch gedacht,
letztlich war es so wohl besser. Astrid ist zu Hause und vor allem
schnell gestorben, ein langes und qualvolles Sterben ist ihr erspart
geblieben. Außerdem hat sie, selbst in ihren letzten Wochen, nur wenig
Schmerzen gehabt. Ich glaube, dass sie, verglichen mit vielen anderen
Menschen, die an Krebs sterben müssen, schnell und unkompliziert
gestorben ist.
Ich glaube, dass Astrid in ihrem Kampf gegen die Krankheit alles
richtig gemacht hat. Sie hat alles probiert, von ganz "klassischen"
medizinischen Methoden bis hin zur Behandlung beim Geistheiler. Und
vor allem: Trotz allem Kampf gegen die Krankheit hat sie nie den Spaß
am Leben verloren. Astrid hat gerne gelebt, gerade auch in den Jahren
ihrer Krankheit, die sie sehr achtsam erlebt hat, und selbst noch in
ihren letzten Wochen. Ich glaube, das gelingt nicht vielen Kranken.
Astrid ist in allem, was den Umgang mit Krankheit angeht, ein großes Vorbild.